Viel war gestern nicht los. Einer meiner Schüler hatte seinen Flieger verpasst und mailte mir aus Mallorca seine Absage. Dadurch hatte ich den Nachmittag frei. Ich las in den Essais von Montaigne, die manchmal auch mit y geschrieben werden, also Essays. Ich las "Philosophieren heißt sterben lernen". Kurz vorher hatte eine gute Freundin zu mir gesagt, ich sehe aus wie ein Lebemann. Bei der Lektüre hatte mir der Satz gefallen, dass man noch von keinem Gestorbenen gehört hätte, das Sterben sei ihm nicht gut bekommen. Das hört sich zunächst wie Zynismus an. Es bezieht sich aber nicht auf Menschen, die zum Beispiel ermordet wurden, einem tragischen Unfall zum Opfer fielen oder durch Krankheit oder anderswie elendiglich verreckt sind.
Ich schaute mir im Internet dann mal das Schloss an, in dem der Seigneur de Montaigne seinen Lebensabend mit dem Schreiben seiner "Versuche" verbracht hat. Zunächst sah ich einen kleinen Turm,
der dem von Hölderlin in Tübingen nicht unähnlich war.
Die Gesamtansicht des Schlosses war dann aber doch etwas anders.
Was der gute Michel de Montaigne über das Sterben schrieb, bezog sich eher auf das Leben. Nur deswegen konnte ich, der Lebemann, eine solche Lektüre auch geniessen.
Vorher hatte ich "Affekte und Wirklichkeit gelesen", wo der Schlossherr schreibt: "Wir sind nie recht zu Haus; wir schweben immer irgendwie über der Wirklichkeit." Diesen Satz empfand ich schon sehr passend, auch ohne die nachfolgende Erklärung: "Befürchtungen, Hoffnungen, Wünsche tragen uns immer in die Zukunft; sie bringen uns um die Möglichkeit, das, was jetzt ist, zu fühlen und zu beachten; statt dessen gaukeln sie uns Dinge vor, die einmal kommen sollen, vielleicht erst dann, wenn wir gar nicht mehr existieren. "Unglücklich ist, wer sich um die Zukunft sorgt" (Calamitosus est animus futuri anxius. Seneca, Epist. 98)."
Montaigne zitiert öfters Seneca, Plutarch und andere, ohne irgendwie schulmeisterlich oder belehrend zu wirken oder sein zu wollen. Er war eher ein ruhiger Lebemann, der über den Tod schreibt: "Wenn ihr das Leben genutzt habt, könnt ihr gesättigt und befriedigt scheiden. Und wenn ihr nichts damit habt anfangen können, wenn ihr es nutzlos vertan habt, da kann es euch doch erst recht gleichgültig sein, wenn es weg ist; was wollt ihr denn noch damit?"
Er schrieb in seinem Schloss, um sich in Ruhe auf seinen Tod vorzubereiten, und um sein Erkenntnisse darzulegen. Es ging ihm nicht um die Weitergabe von Wissen. Lehrer vergleicht er in seinen Gedanken "Über die Schulmeisterei" mit Vögeln, die Nahrung in den Schnabel nehmen und sie an ihre Kleinen weitergeben, ohne sich selber damit zu nähren.
Ein anderer schöner Tiervergleich ist der mit dem Hund, der sich von der Kette losgerissen hat und ein Stück der Kette immer noch mit sich herumträgt.
Montaigne ist gegen radikale politische Veränderungen. "Um meine Ansicht geradeheraus zu sagen:", schreibt er in "Über die Gewohnheit", "es gehört rechter Egoismus und ein starker Dünkel dazu, seine persönlichen Meinungen so wichtig zu nehmen, daß man, um ihnen Geltung zu verschaffen, eine friedliche Ordnung umstürzen und die eigene Heimat so schwerwiegenden Eingriffen aussetzen muß."
Das war 1580 und bezog sich auf die Reformation.
Was den Vergleich zwischen Hölderlinturm und Schloss Montaigne betrifft, könnte man meinen, dass der Geist in Frankreich in grösseren Schlössern lebte als in Deutschland.
Das ist aber übertrieben.
Schreibman ist auch weniger ein Lebemann als vielmehr ein Schreibman. Zumindest bemüht er sich, beides zu gleichen Teilen zu sein.
Und sich ansonsten nicht zu wichtig zu nehmen. Denn der Tod macht uns alle gleich.